Evangelische Freikirche Fuldatal

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"Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"
Mk 9,24

Bibel besser verstehen

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Auge und Auge, Zahn um Zahn

Irrtümer der Bibelauslegung #02

Die Bibel ist ein Buch, dessen Texte Jahrtausende alt sind und doch sprechen diese in unser Leben hinein. Doch beim Lesen der Bibel stehen wir vor der Herausforderung diese uralten Texte richtig auszulegen. Das kann durch Veränderungen in der Sprache, Kultur und meiner eigenen Lebenssituation eine echte Herausforderung werden. Diese Artikelreihe geht auf gebräuchliche Irrtümer der Bibelauslegung ein.

Kaum eine biblische Aussage wird in den Medien so bemüht wie der alttestamentliche Gesetzestext „Auge um Auge, Zahn um Zahn (vgl. 2. Buch Mose Kapitel 21 Vers 24).“ Da war beispielsweise wieder ein Raketenangriff der Hisbollah auf Nordisrael und die Armee fliegt einen Vergeltungsangriff auf Stellungen der Hisbollah. Der Moderator sagt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und möchte damit ausdrücken, dass das Recht auf Rache alttestamentlich verankert sei.

Doch was meint eigentlich der alttestamentliche Text? Dazu ist zweierlei zu bedenken. Das eine betrifft die damalige historische Situation. Es gab noch keine Gerichte in unserem Sinne. Die Gesellschaft war ganz anders strukturiert als es heute der Fall ist. Man lebte in großen Sippen zusammen und regelte Streitigkeiten innerhalb dieser Sippen über die Ältesten. Wurde ein Mensch verurteilt, kam er nicht ins Gefängnis – wäre ja für eine Nomadenvolk auch ziemlich unpraktisch – sondern musste den Schaden plus eine zusätzliche Strafe tragen. Konnte er die Strafe nicht bezahlen, kam er in Schuldsklaverei bis die Strafe abgegolten war. Schwieriger war die Sache, wenn die beiden Beteiligten aus unterschiedlichen Sippen kamen. Hier gab es ja kein übergeordnetes Gericht, das ein Urteil hätte fällen können. Hier griff die uralte Tradition der Blutrache mit der ein „Ausgleich“ erreicht werden sollte.

Als zweites ist der Textzusammenhang zu bedenken. In dem betreffenden Abschnitt werden verschiedene andere Themen angesprochen: Was passiert, wenn im Streit ein Beteiligter verletzt wird und bleibende Schäden zurückbleiben (21,18-19)? Was geschieht mit dem Herrn, der seinen Sklaven tödlich verletzt (21,20-21), was mit dem, der ihm ein Handicap zufügt (21,26-27)? Was passiert, wenn bei einem Streit eine Schwangere ihr Kind verliert (21,22)? Alle Fallbeispiele haben gemeinsam, dass sie jeweils eine angemessene Strafe anordnen. Und genau in diesem Zusammenhang steht die Aussage: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es geht also um Schadenbegrenzung bzw. darum, dass die Strafe verhältnismäßig sein muss und nicht überzogen sein darf. Die Aufforderung trifft damit auch genau die Problematik jener Zeit: Blutrache wurde nämlich oft stark übertrieben und stand in keinem Verhältnis mehr zur ursprünglichen Tat. Und Gott sagt – und ich formuliere es mal etwas ausdrücklicher: „Ein Auge für ein Auge, ein Zahn für ein Zahn“. Es geht also in dem Text nicht in erster Linie darum, Rache zu legitimieren und den Täter zum Abschuss freizugeben, sondern darum die Rache zu begrenzen; also geht das Anliegen eigentlich in die entgegengesetzte Richtung wie er oft verstanden wird.

Fazit: Zu einem richtigen Verständnis der Bibel hilft es die Situation genauer zu betrachten in die der Text hineingesprochen hat.

Marc Pietrzik, Pastor

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